|
|
|
Gesellschaft Kultur des Friedens
Society Culture of Peace
Presse-Artikel
Stuttgarter Nachrichten, 2. März 2005
Front gegen europäische Verfassung
Globalisierungskritiker warnen vor Aufrüstung - Konferenz in Stuttgart
Stuttgart - Globalisierungskritiker und Gewerkschafter verstärken ihren Protest gegen die EU-Verfassung. Dazu laden das Netzwerk Attac, Verdi und Friedensgruppen am 4. und 5. März zu einer Konferenz in Stuttgart ein. "EU global - fatal?!" Das ist die Frage, um die es bei der Veranstaltung geht.
VON WINFRIED WEITHOFER
Im Vorfeld der Konferenz machte Heike Hänsel, Europa-Sprecherin von
Attac Deutschland, deutlich, dass sich ihre Organisation insbesondere
gegen die einseitige Positionierung der EU als Wirtschafts- und
Militärmacht wende. Vernachlässigt würden globale Herausforderungen wie
der Klimaschutz und der Kampf gegen den Hunger. "Wir setzen der
Regierungspolitik ein ,Europa von unten" entgegen, wir wollen statt eines
militaristischen, ausschließlich wirtschaftsorientierten und unsozialen
Europas eine solidarische EU, die zur friedlichen Konfliktlösung
beiträgt."
Verdi-Sprecherin Annette Groth beklagte, dass die EU-Staaten laut
Verfassung verpflichtet seien, ihr Militärpotenzial auszubauen. "Das ist
ein Freibrief, die Ausgaben für die Rüstung zu erhöhen." Dabei habe das
EU-Parlament keinerlei Mitbestimmungsrechte, es werde lediglich auf dem
Laufenden gehalten. Zudem sei die Verfassung auf eine rein neoliberale
Wirtschaftspolitik ausgerichtet. Betont würden freier Wettbewerb und freie
Marktwirtschaft, das Wort "sozial" komme nicht vor. Hänsel pflichtete bei:
Sie vermisse eine verbindliche Festlegung von Arbeitnehmerrechten. "Sie
werden im Zweifel der freien Wettbewerbsfähigkeit untergeordnet", so die
Attac-Sprecherin.
Die Kritik von Attac gilt auch der mit dem Namen des früheren
niederländischen EU-Kommissars Frits Bolkestein verbundenen
Dienstleistungsrichtlinie. "Damit wird in Europa dem Steuer- und
Lohndumping Tür und Tor geöffnet", meinte Hänsel. Die Richtlinie sehe vor,
dass ausländische Unternehmen in Deutschland Filialen eröffnen und ihre
Mitarbeiter zu Bedingungen des Ursprungslands anstellen können. "Das ist
nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Verbraucher fatal",
meinte Hänsel. Denn Qualitätsprüfungen, etwa von Metzgereien, würden vom
Heimatland aus vorgenommen. - Zu der Konferenz erwarten die Veranstalter
mehrere hundert Teilnehmer, unter anderem aus Polen und Ungarn. Ziel ist,
neben der Information über die EU-Verfassung auch neue Aktionen gegen das
Vertragswerk anzustoßen. Der nächste Termin steht bereits: Am 19. März
folgt in Brüssel ein europaweiter Protesttag.
Weitere Informationen unter:
http://www.attac.de/stuttgart
Südwest Presse, 1. März 2005
Globalisierungsgegner: Verfassung ändern
Die sozialen Ziele der geplanten EU-Verfassung finden auch die Globalisierungsgegner von Attac erstrebenswert. Nur gebe es zu viele
Relativierungen.
Die EU-Verfassung muss aus Sicht der Globalisierungskritiker Attac grundlegend verändert werden. "Wir wollen statt eines militaristischen,
ausschließlich wirtschaftsorientierten und unsozialen Europas ein
solidarisches - nach innen und außen", sagte die Attac-Europa-Sprecherin
Heike Hänsel gestern. Um das Thema "EU global - fatal?!" geht es auch am
kommenden Wochenende in Stuttgart bei einer Veranstaltung, zu der Attac
und der Verdi-Bezirk Stuttgart einladen. Sie sei die Vorbereitung auf eine
EU-weite Demonstration anlässlich des Frühjahrsgipfels der EU-Staats- und
Regierungschefs in Brüssel am 19. März.
Der EU-Konvent habe sehr positive soziale Ziele in der Verfassung formuliert, diese aber im Gegensatz zu den wirtschaftlichen und militärischen Zielen mit relativierenden Zusätzen versehen. "So werden Arbeitnehmerrechte im Zweifel der freien Wettbewerbsfähigkeit untergeordnet", erläuterte Hänsel. Dennoch werde
gerade mit der Grundrechtecharta Werbung für die Verfassung betrieben,
etwa im Vorfeld des Referendums in Spanien.
Attac kritisiert außerdem die geplanten EU-Dienstleistungsrichtlinie. "Damit wird in Europa dem Steuer- und Lohndumping Tür und Tor geöffnet", meint Hänsel. Die Richtlinie sieht vor, dass ausländische Unternehmen in Deutschland Filialen eröffnen und ihre Mitarbeiter zu Bedingungen des Ursprungslandes anstellen können. "Das ist nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Verbraucher fatal", findet Hänsel. Denn die Qualitätsprüfungen, etwa von Metzgereien, würden gleichermaßen vom Heimatland aus vorgenommen.
Die Verpflichtung der Vertragsstaaten auf eine Verbesserung ihrer militärischen Mittel und die Aufstellung von EU-Truppen und Battle- Groups (schnelle Eingreiftruppen) seien weitere Schritte zur Militarisierung der EU. "Wir wehren uns gegen so genannte präventive Militärschläge, für die diese Truppen vorgesehen sind", sagte Hänsel. Die Globalisierungskritikerin beklagte zudem die
fehlende Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Formulierung der
Verfassung: "Das war und ist ein undemokratischer Prozess, der die
Identifikation mit dem europäischen Einigungsprozess massiv erschwert."
lsw
ONLINE-INFO: http://www.attac.de
Südwest Presse, 22. März 2004
DEMONSTRATIONEN / Rückzug aus dem Irak gefordert
Protest gegen Krieg
Einige hundert Menschen haben am Wochenende bei Demonstrationen auch in Baden-Württemberg an den Beginn des Irak-Krieges vor einem Jahr erinnert.
STUTTGART. Auf dem Schlossplatz in Stuttgart forderte das Friedensnetz Baden-Württemberg den "Rückzug aus der Kriegslogik". Die Demonstranten liefen symbolisch rückwärts. In Karlsruhe demonstrierten etwa 50 Kriegsgegner im Sitzen. Sie formten mit Buchstaben in ihren Händen die Parole "Wir widersetzen uns". In Heidelberg zogen 90 Menschen vor das Hauptquartier der US-Streitkräfte. Eben so viele Demonstranten protestierten in Mannheim auf dem Paradeplatz.
Bei der Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz forderten rund 120 Menschen den Rückzug der US-Truppen aus dem Irak. Auf Plakaten hieß es: "Krieg hilft nicht gegen Gewalt, Krieg ist Gewalt", "Atomwaffen sind Terrorinstrumenten
– in jeder Hand" und "Fanatisch Globalisierung säen – fanatischen
Terror ernten".
Dieter Lachenmayer, Koordinator des Friedensnetzes im Südwesten, sagte: "Wir fordern den Rückzug der US-Army aus dem Irak zu Gunsten einer zivilen UN-Verwaltung. Wir sind nicht der Meinung, dass sich Probleme durch Aufrüstung
lösen lassen, sondern dass es zivile Konzepte dafür gibt." Die Besatzung
im Irak sei unangemessen und unrechtmäßig.
Heike Hänsel von der Gesellschaft Kultur des Friedens sprach von einer "neoliberalen Besetzung" des Iraks nach dem Krieg: "In dem Krieg ging es immer um wirtschaftliche Interessen und die geostrategische Lage des Iraks." lsw
Schwäbisches Tagblatt, 13. Dezember 2003
Annan eroberte Tübingen im Vorübergehen
Sogar die Demonstranten unterstützten den Uno-Generalsekretär / Kommunikativ bis in die Nacht
TÜBINGEN. Gestern gab es in der Stadt nur ein Thema: den Besuch und die Rede des Uno-Generalsekretärs Kofi Annan. Der 65-jährige Ghanaer beeindruckte die Menschen, auch weil er sich Zeit für Begegnungen und Gespräche nahm.
Kofi Annan bestach auch in Tübingen durch seine persönliche Ausstrahlung: Wer ihm begegnete, lobte seine Bescheidenheit und Authentizität.
Speisen: Auch ein Uno-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger muss mal – etwas essen. Nach der Weltethos-Rede und dem Dialog mit Hans Küng zogen sich Kofi Annan und seine Frau Nane ins Dozentenzimmer der Neuen Aula zum Speisen zurück. Ernst Fischer vom Restaurant Rosenau hatte ihnen eigenhändig Zürcher Kalbsgeschnetzeltes, frisches Gemüse und Rösti zubereitet. Der Präsident des deutschen Hotel- und Gaststätten-Verbands musste „ein bisschen improvisieren“, weil ihm in dem Uni-Gebäude nur eine „provisorische Küche“ zur Verfügung stand. Das Geschnetzelte hatte sich Annan aus einer Reihe von angebotenen Gerichten ausgesucht. Er kannte es schon aus seiner Zeit als Mitarbeiter des Uno- Hochkommissariat für Flüchtlingswesen in Genf.
Sprechen: Alle, die Kofi Annan näher kamen, lobten ihn als großen Kommunikator. Beim Empfang im Bonatzbau, wo ebenfalls das Team von Ernst Fischer die Gäste bewirtete, schüttelte Annan unzählige Hände, etwa die des 91-jährigen Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker, und führte viele Gespräche. Die Tübinger Henning Zierock und Heike Hänsel von der Gesellschaft Kultur des Friedens überreichten dem Uno-Generalsekretär rund 4000 Unterschriften für das Menschenrecht auf Frieden, ein Tuch mit ihrem Logo, Picassos Friedenstaube, und eine bunte Friedensperlen-Kette. Sie mussten ihn nicht von ihrem Anliegen überzeugen. Er trug ohnehin eine Friedenstaube, die der Uno, am Revers. Unter den Gästen im Historischen Lesesaal waren Prominente, die öfter in den Fernsehnachrichten auftauchen – wie etwa der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer, der heute Umwelt-Chef der Uno ist, oder der deutsche Uno-Botschafter Gunther Pleuger, der sich selten von seiner Lesebrille zu trennen scheint.
Fotografien: Mit der ihm eigenen Gelassenheit nahm der Generalsekretär hin, dass ständig ein Fotoapparat auf ihn gerichtet war – von Profis und von Amateuren. Auch Tübingens Grünen- Bundestagsabgeordneter Winfried Hermann ließ sich mit dem Friedensnobelpreisträger ablichten. Hermann hatte sich „wirklich sehr auf die Begegnung gefreut“. Zumal ihn viele Bekannte gebeten hatten, Annan auszurichten, dass sie ihn klasse fänden. Hermann tat es. Versprochen ist versprochen.
Autogramme: Fast wie ein Popstar wurde Kofi Annan immer wieder auch um ein Autogramm gebeten. Die zwölf-jährige Helen Mehari hat seit dem Empfang im Tübinger Rathaus, wo Annan sich ins Goldene Buch der Stadt eintrug, ein Autogramm von Nane Annan. Denn die Sechstklässlerin der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) hatte die Gattin des Generalsekretärs in ihrer Muttersprache Schwedisch begrüßt. Den Satz hatte die Schülerin mit Religionslehrer Carsten Kauth einstudiert. Helen und die elf-jährige GSS-Schülerin Sophie Lupas informierten das Ehepaar Annan außerdem über ihre Unesco-Schule, über die Namensgeber, deren Widerstand gegen den Nationalsozialismus und überreichten Fotografien der Geschwister Scholl sowie ihr Symbol – eine weiße Rose. Das Ehepaar war gerührt. Bartträger Kofi Annan gab Sophie gar ein Küsschen, das sie allerdings „ein bisschen kratzig“ fand.
Spalier: Bereits am Stuttgarter Flughafen war Annan von einer internationalen Schülergruppe begrüßt worden. Eigentlich hätten dem Generalsekretär ja die Ehren eines Staatsgastes zugestanden, inklusive Ehrenspalier der Polizei. Dem Friedensnobelpreisträger würde aber eine informellere Begrüßung besser gefallen, dachten sich die Organisatoren – wohl zu recht.
Sympathie: Die Sympathie war beidseitig. Egal, wo Kofi Annan zu sehen war, und sei es nur auf dem kurzen Weg vom Bonatzbau zur wartenden Stretchlimousine in der Wilhelmstraße, klatschten, winkten und riefen ihm Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder zu. Im Öhrn des Rathauses zeigte sich der Ghanaer, der da auch schon Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer geherzt hatte, total begeistert von der Stadt und sprach von dem „großartigen Weihnachtsgeschenk“, in Tübingen sein zu dürfen. Besonders die jungen Menschen hatten es Annan angetan. Städte versteht er als kleinen Kosmos und Orte, „wo wir lernen, miteinander zu leben“.
Goldenes Buch: Enthusiastisch schrieb der Uno-Generalsekretär mit Federfüller ins Goldene Buch der Stadt: „Wir sind außerordentlich glücklich, hier zu sein. In so kurzer Zeit haben wir viele Freunde gefunden. Wir kommen wieder“ und besiegelte dieses Versprechen mit seiner Unterschrift. Die Stadt ist jetzt um Annans „Goldenes Buch“, wie er scherzte, reicher. In „Wir, die Völker“ („We the Peoples“) kann nun wahlweise auf deutsch oder englisch nachgelesen werden, wie der Generalsekretär die Rolle der Vereinten Nationen im 21. Jahrhundert sieht.
Aids: Als eine der Herausforderungen an die Weltgemeinschaft bezeichnete Annan den globalen Kampf gegen die Aids-Epidemie. „Wir müssen alles tun, was in unserer Macht steht, um Aids einzudämmen“, appellierte er in seiner Weltethos-Rede ans Publikum. Aids, so Annan weiter, sei eine „Massenvernichtungswaffe“. In einem Gespräch mit Rainward Bastian und Christoph Benn vom Deutschen Institut für Ärztliche Mission in Tübingen sagte Annan, dass ihn auch seine Frau im Kampf gegen Aids unterstütze. 2001 wurde auf Annans Initiative hin der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria geschaffen. Dafür danken auch Aktivisten. „Unterstützt Kofi Annan – Unterstützt die Aids-Kampagne“, forderten Mitglieder der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen auf dem Platz vor dem Festsaal auf Transparenten und Flugblättern.
Gesundheit und Sicherheit: Christoph Benn überreichte dem Generalsekretär im Bonatzbau seine Schrift „Die Gesundheit der Armen und die Globale Sicherheit“. Aids, so eine seiner Thesen, könne in Weltgegenden mit strategischer Bedeutung instabile Verhältnisse verursachen. Aids-Experte Benn, seit zwei Monaten Direktor für Auswärtige Beziehungen beim Globalen Fonds, war eigens aus Genf angereist – und hatte eine Neuigkeit mitgebracht: Japan stockte gestern die 40 Millionen Dollar, die es dem Fonds fürs kommende Jahr zugesagt hatte, auf 100 Millionen Dollar auf. Demnächst wird der Tübinger Benn nach Rom fahren, um mit dem Nuntius über die Rolle der katholischen Kirche in der Aids-Bekämpfung zu sprechen. Beispielsweise, wie ihre Infrastruktur in den armen Ländern genutzt werden kann.
Friedensmarsch: Die Eritreische Gemeinde in Tübingen und Umgebung hatte zum Friedensmarsch aufgerufen. Die Teilnehmer/innen kamen schließlich aus Städten weit über die Region hinaus. Mit Trillerpfeifen, Trommeln und Transparenten machten sie auf ihr Anliegen aufmerksam: „einen dauerhaften Frieden zwischen Eritrea und Äthiopien“. Die Demonstranten sehen durch die ablehnende Haltung Äthiopiens gegen die von einer Kommission festgelegten Grenzen das von beiden Ländern unterzeichnete Friedensabkommen vom 12. Dezember vor drei Jahren in Gefahr.
Christbaum: Wer wie der Uno-Generalsekretär ständig auf Reisen ist und in Hotels lebt, der schätzt ab und zu ein bisschen Privatheit. Die bot ihm der Theologe und Weltethos-Chef Hans Küng gestern Abend in seinem Haus. Gastgeberin Marianne Sauer arrangierte das Essen in kleinem Kreise, zu dem auch Gunther Pleuger, Weltethos- Geschäftsführer Stephan Slensog und der Theologe Karl-Josef Kuschel eingeladen waren. Es sollte „etwas kleines Privates“ sein, wie Küng sagte. Eben „etwas, wo man sich unter Freunden unterhalten kann“. Und ein bisschen weihnachtlich war es auch: Küng hatte nämlich extra für Annan eine Tanne im Garten als Christbaum geschmückt und mit Kerzen bestückt.
Ute Kaiser/Angelika Bachmann
Nürtinger Zeitung, 24. Juli 2003
Krieg als Konfliktlösung?
Interessante Workshops an der Fritz-Ruoff-Schule
NÜRTINGEN (hn). Welche Bedeutung hat der Krieg in der Außenpolitik? Gibt es Alternativen? Diese und andere Fragen wurden jüngst in verschiedenen Workshops an der Fritz-Ruoff-Schule behandelt. Initiator des Informationstages ist die Schülermitverwaltung (SMV). Die Gastredner kamen
aus Bereichen wie der Bundeswehr oder von Friedensinitiativen.
Krieg hat viele Gesichter. Damit die Schüler davon einen Eindruck bekommen, hatten die SMV und Lehrer der Fritz-Ruoff-Schule Menschen aus Politik, Militär und Gesellschaft eingeladen. In Workshops diskutierten sie mit den Jugendlichen über die Außen- und Verteidigungspolitik Deutschlands.
In dem Workshop "Kriegsgeneration und der Irakkrieg" berichteten ehemalige Professoren der Universität Hohenheim von ihren Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg. Dr. Lore Blosser-Reisen erzählte wie sie zwölf Jahre alt war, als der Krieg ausbrach. Der Unterricht habe für sie nur unregelmäßig stattgefunden, da viele Schüler und Lehrer im Krieg oder bereits gefallen waren. 1940 ist sie zum Arbeitsdienst nach Österreich gekommen. Später studierte sie Landwirtschaft.
Kaum eine Familie sei von den Folgen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben. Viele Menschen seien im Krieg oder an seinen Folgen gestorben. Aus der Gefangenschaft kehrten viele Männer krank zurück. "Durch meine persönlichen Erfahrungen habe ich gelernt, dass es ohne Einsatz nicht geht." Heute engagiert sich die 75-Jährige unter anderem in der Frauengeschichtswerkstatt in Nürtingen.
Ihr ehemaliger Hohenheimer Kollege, Dr. Hartmut Albrecht, erzählte von seinen Erinnerungen an die Weimarer Republik: "Die Zeit war angefüllt mit vielen Problemen." Während der Inflation seien die Menschen durch die Straßen gezogen und hätten "Hunger!" skandiert. "Das hat mich betroffen." In der Politik haben rechte und linke Parteien Zulauf bekommen. "Die Extreme haben die Mitte gefressen." Dann kam das Dritte Reich. In den Krieg sei er freiwillig gegangen, weil er von einem raschen Sieg ausging. Die Bilder des zerbombten Hamburg, wo er als Pionier gedient hatte, sind bei ihm noch in lebendiger Erinnerung. "Das Kriegsende habe ich als Erschütterung erlebt." Erst später habe er erfahren, was im Dritten Reich tatsächlich passiert war. "Ich wollte nur noch einen Acker und zwei Pferde." Deshalb studierte er in Hohenheim Landwirtschaft.
Albrecht erzählte, wie er dem amerikanischen Botschafter einen Brief zum Irak-Krieg geschrieben hat. "Sie müssen Ihr Volk belügen", habe darin gestanden. Blosser-Reisen habe in ihrem Brief an Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Haltung gelobt.
Das Engagement in der Politik sei wichtig, so Albrecht. Informieren könne man sich bei internationalen Medien und bei Organisationen wie Greenpeace oder Amnestie International. Er rät den Schülern, sich zu engagieren und am Ende des Schuljahres die Informationen zusammenzufassen und sie anderen zukommen zu lassen.
"Wir haben die Demokratie von den Amerikanern gelernt. In der Zwischenzeit ist sie stark von der Wirtschaft dominiert." Albrecht ist überzeugt: "Der Terror ist die Waffe der Rechtlosen und Unterdrückten. Man kann ihn nicht mit Gewalt und Krieg lösen."
In einem weiteren Workshop ging es um die "Deutsche Außenpolitik aus Sicht von Politikerinnen". Hier diskutierte Dr. Uschi Eid, Bundestagsabgeordnete der Grünen, mit den Schülern. "Der Irak-Krieg und die deutsche Politik" war das Thema der Soziologin Claudia Haydt von der Informationsstelle Militarisierung aus Tübingen. Hauptmann Matthias Meyder sprach über die "Veränderungen in der Bundeswehr".
Heike Hänsel von der Gesellschaft "Kultur des Friedens" überlegte mit den Schülern die "Alternativen zum Krieg am Beispiel Irak". Zwei andere Projektgruppen sorgten für die Video- und Fotodokumentation und das leibliche Wohl.
DIE ZEIT, 23. Januar 2003
»Wenn ihr hier seid, seid ihr für uns«
Liedermacher Konstantin Wecker reiste eine Woche lang durch den Irak, um für den Frieden zu werben. Dass Saddam Hussein diese Aktion für Propagandazwecke nutzen könnte, nimmt er in Kauf
Konstantin Wecker, 55, hat zusammen mit einer Friedensdelegation der Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens gerade eine Woche den Irak bereist, um für den Frieden mit dem Irak zu werben. Die Reise sei »kein Solidaritätsbesuch mit Saddam Hussein«, betonte die Organisatorin Heike Hänsel. Auf dem Programm standen so keine Begegnungen mit Politikern, sondern Treffen mit irakischen Musikern, Besuche in Kultureinrichtungen und Kliniken. Im Gepäck hatte die Gruppe von Ärzten, Journalisten und Künstlern Gitarren und einen Koffer Spielzeug.
Herr Wecker, haben Sie im Irak deutsche Lieder für den Frieden gesungen?
Ja, ich bin einmal a cappella aufgetreten – weil da ja nicht überall Klaviere rumstehen – und ein anderes Mal mit Gitarre und irakischen Musikern. Viel wichtiger aber war es mir, mit dem Leid der Menschen mitzufühlen und zu spüren, wie aus Zahlen Menschen und aus Statistiken Gesichter werden.
Waren Sie überrascht?
Die Großzügigkeit der Menschen hat mich beschämt. In einem Land, in dem durch das Embargo Kinder an Krebs sterben, weil eins von vier Präparaten für die Chemotherapie fehlt; in dem das Trinkwasser verseucht wird, weil alle zwei Stunden der Strom und damit die Pumpen ausfallen, durfte ich nicht mal drei Brötchen beim Bäcker bezahlen. Stellen Sie sich das doch mal umgekehrt bei uns vor. Es ist pervers, wie unerbittlich wir in unserer Ellenbogengesellschaft denen gegenüber sind, die weniger haben.
Kritiker werfen Ihnen vor, Sie wollten sich mit dieser Reise profilieren, weil Sie in letzter Zeit wenig Presse hatten.
Menschen, die das behaupten, sind so vereinnahmt von ihrer eigenen Gewinn- und Verlustrechnung, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, mit dem Herzen zu denken. Das finde ich bemitleidenswert.
Vor Ihrer Abreise sagten Sie, Sie wollten den Irakern zeigen, dass »nicht alle westlichen Menschen Waffeninspekteure sind und die Iraker misstrauisch beäugen«. Ist Ihnen diese Mission gelungen?
Die Menschen haben uns unendlich freundlich aufgenommen und nicht mal unseren amerikanischen Kollegen gegenüber Vorurteile gezeigt. Stattdessen schwärmten sie: »Wenn ihr hier seid, seid ihr für uns.« Und 400 Germanistikstudenten waren selig, zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Deutschen sprechen zu können. Das hat mich bewegt.
Für Saddam Hussein und seine Propaganda ist Ihr Besuch ein gefundenes Fressen.
Dass Saddam Hussein unsere Reise instrumentalisieren würde, war unvermeidbar. Das war mir aber vorher klar. Wir haben uns als Gruppe so unkonventionell wie möglich verhalten und von Anfang an auf Limousinen-Service und ähnliche Angebote verzichtet, ohne dabei die arabische Gastfreundschaft zu brüskieren. Mehr konnten wir nicht tun.
»Die einzig wirksame Waffe gegen Gewalt ist ein liebevoller, mit sich selbst identischer Mensch«, schreiben Sie in Ihrem Internet-Tagebuch. Wie wollten Sie die irakische Führung davon überzeugen?
Gar nicht. Ich habe auch das Treffen mit Vizepremier Tarik Aziz ausgeschlagen, weil es keinen Sinn macht. Unsere einzige Chance ist es, Politik von unten zu betreiben, um den Leuten zu helfen, sich langfristig zu emanzipieren. Gleichzeitig müssen wir einsehen, dass man der arabischen Welt eine Demokratie nach westlichem Muster nicht einfach aufdrücken kann.
Ihre intensive Beschäftigung mit Politik und Kriegen der letzten Jahrzehnte seit dem 11.September 2001 hat Sie depressiv gemacht, so sagen Sie.
Seit Beginn meiner Tournee im Oktober 2001 konnte ich tatsächlich keine Liebeslieder mehr singen. Seit ich weiß, dass ich im Einzelnen etwas bewirken kann, geht es mir besser. Auch diese Reise wird mich weiter verändern. Ich werde mein Leben anders gewichten und noch mehr Zeit dafür verwenden, anderen zu helfen.
Was, glauben Sie, bleibt dauerhaft übrig von Ihrer einwöchigen Friedensinitiative?
Zwei Patenkinder von sechs und acht Jahren, die mit meiner Hilfe wieder in die Schule gehen können, statt zehn Stunden pro Tag Eisenteile zusammenzustecken. Und mein Engagement für die gemeinnützige Organisation Architects for people in need, eine der wenigen NGOs, die im Irak zugelassen sind. Das garantiert, dass das Geld, das ich in Deutschland für Straßen- und Waisenkinder sammeln werde, dort auch an der richtigen Stelle ankommt. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ich weiß, aber bin ein großer Verfechter von vielen, vielen Tropfen auf unzähligen heißen Steinen.
Die Fragen stellte Andrea Thilo
War talk makes Iraq a peace stop
Baghdad embraces delegations
By Elizabeth Neuffer, Globe Staff, 1/18/2003
BAGHDAD - Peace is a booming business in Baghdad, even as the drums of war beat loudly in Washington.
Each week brings another delegation bearing messages of solidarity with the Iraqi people. Last week, groups came to Baghdad from South Africa and Greece. This week, a German peace group turned up, along with Americans who lost relatives in the Sept. 11 attacks, and university professors from the United States.
More delegations of peace activists are expected in Iraq, including those pledging to act as "human shields" if a US-led war commences.
"If 20,000 people from the rest of the world came to Iraq, could the US attack?" said Henning Zierock of Society Culture of Peace, a German organization based in Tubingen. "The peace delegations and the troops are building up at the same time."
Even as these antiwar demonstrations are taking place in Iraq, protesters are gathering in Washington and cities around the United States this weekend, while others are gathering in Europe, to press for a peaceful way out of the crisis. Then on Feb. 15, when the Bush administration could be weighing whether to attack Iraq, peace activists worldwide plan to stage a united protest. Rallies
are being organized in major European and US cities for that date, with a satellite link to demonstrations in Baghdad, organizers here said.
Peace groups and visiting delegations are hardly new in Iraq. But in recent weeks many groups arrived for the first time, spurred by the threat of imminent war.
The delegations are widely diverse. Some members have celebrity status, such as Sean Penn and Bianca Jagger. Others said that until recently they had never thought of either protesting for peace or traveling to Iraq.
Take Terry Kay Rockefeller, a 52-year-old documentary filmmaker from Arlington. The memory of the death of her sister, Laura, in the attack on the World Trade Center prompted Rockefeller to make the long journey to Baghdad.
"Afghanistan, the bombing in Bali, this war - every time, I feel it as re-experiencing Laura's death,'' said Rockefeller, a member of the group September 11th Families for Peaceful Tomorrows, which advocates nonviolent solutions to conflicts. "I understand somebody, somewhere in the world is going through what I did."
For John Paulmann of Westfield State College, it was accidentally spotting a message posted on a Web site with a petition against the war. Some 30,000 American academics signed the petition; Paulmann is one of 32 visiting Iraq.
"My theory is there are good, everyday people in all places, and they don't show up in the headlines," the 54-year-old professor of communications said on his first full day in Baghdad. "I want to go back and tell my students about the people I will meet here."
Peace delegations are largely circumscribed in what they see. All are assigned government guides, as are reporters, making it difficult, if not impossible, to talk with Iraqis who are critical of President Saddam Hussein.
Some tour ballet or music schools, others hospitals. Few visits here are complete without a trip to Baghdad's Al Amiriya Shelter, where American bombs killed hundreds of civilians sheltering there in 1991, or a meeting with those injured in American bombing raids in the no-fly zone in the south.
Few leave here without at least one moving experience.
Rockefeller, meeting a widow in the southern city of Basra who lost her husband in an American bombing raid in the no-fly zone last December, found herself embraced.
"She kept saying she had watched the collapse of the World Trade Center on television and saying she was sorry to us, over and over again," Rockefeller said.
Others come away shocked, either by the threadbare poverty after 12 years of UN economic sanctions or by the fatalism with which many Iraqis view the prospect of a US-led attack.
"The magnitude to which these people suffer is beyond anything I could imagine," said Kristina Olsen, a 44-year-old nurse and singer from Newburyport, who lost her sister, Laurie Neira on American Airlines Flight 11.
The Iraqi government welcomes the peace protesters. Each day, local newspapers feature the various delegations and whom they are visiting. Iraqi officials are quick to suggest that the presence of so many peace groups vindicates Iraq as much as it suggests a groundswell against war.
"There is a much greater understanding of Iraq's situation in the international community, and, with public understanding, public opinion [against the war] is growing rapidly," said Abdul Razak al-Hashimi, a 1969 Boston University graduate and president of the Organization of Friendship, Peace, and Solidarity in Iraq.
Some peace activists say they are uneasy at being lauded by the Iraqi government and media, noting they are here to oppose a war, not to support Hussein's regime. Groups insist on paying their own expenses, drawing on their own money or grants.
"We've been called disloyal to the American government and sympathetic to the Iraq government," said James Jennings, coordinator of US Academics Against War, whose delegation consisted of professors from 28 universities and 21 states. "But nothing could be further from the truth."
By coming to Iraq, all Americans are in violation of US law, which prohibits travel to Iraq except under certain circumstances, such as for news reporting. All the peace activists who travel here face considerable fines, if not imprisonment, although there have been no reports of American activists being charged.
Their passion for peace, they say, outweighs the fear of punishment.
"Since the last Gulf War, Americans think we are fighting a sanitized war," said Jagger, a human rights activist. "I know that's not true. This will not be a quick war in which no innocent civilians are killed. This will be an intractable war."
Many hope their presence here will draw international attention to peaceful ways to settle the US dispute with Iraq or prompt a change in leadership here. Lifting UN sanctions and allowing trade with Iraq, many argue, could produce democracy faster than any US-led war.
"You can't install a democracy by force," said popular German singer Konstantin Wecker, a member of the Society Culture of Peace delegation. "But if we were to lift the sanctions, free Iraq, then maybe democracy would come here."
Quelle: http://www.voice4change.org/stories/showstory.asp?file=030121~pt.asp
Abendzeitung München, 4. Januar 2003
"Ich werde mich nicht von Saddam vereinnahmen lassen"
Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker (55) reist mit der Gesellschaft "Kultur des Friedens" nach Bagdad und Mossul im Irak, um gegen einen möglichen Krieg zu protestieren.
AZ: Herr Wecker, wie war die Reaktion auf Ihre Pläne?
Konstantin Wecker: Ich habe sehr viele bestätigende Anrufe bekommen. In vielen Mails wurde mir Mut zugesprochen.
Gab es auch kritische Stimmen?
Ja, einige Journalisten meinten, dass man durch so eine Reise nur einen Diktator unterstützt. Unsere ganze Gruppe ist sich der Gefahr bewusst, vereinnahmt zu werden. Das werden wir nicht zulassen, sondern den Menschen begegnen. Natürlich ist Saddam Hussein ein Diktator. Ich bin aber dafür bekannt, keiner Staatsmacht in den Arsch zu kriechen. Das tue ich weder hier noch in einer Diktatur.
Welche Lieder haben Sie für die Iraker im Gepäck?
Lieder, die weniger über die Texte als über die Melodie sprechen. Zum Beispiel das Friedenslied "Questa nuova realta". In der Hoffnung, dass die Menschen dort besser italienisch als deutsch verstehen.
Wie ist die Reise geplant?
Von Frankfurt mit dem Flugzeug nach Amman. Es ist noch unklar, ob wir von dort mit Flugzeug oder Bus weiter reisen. Das Auswärtige Amt hat uns offiziell von einer Reise abgeraten. Aber das müssen sie wohl sagen.
Münchner Merkur, 4. Januar 2003
"Unter jeder Bombe liegt ein Kind"
Konstantin Wecker reist mit einer Friedensdelegation in den Irak
Eine Reise gegen den Krieg: Am Sonntag, 5. Januar, bricht der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker, 55, zusammen mit der Gesellschaft "Kultur des Friedens" aus Tübingen zu einer achttägigen Reise in den Irak auf. Die Gesellschaft wurde 1988 unter anderem von dem griechischen Musiker Mikis Theodorakis sowie den Schriftstellern Christa Wolf und Tschingiz Aitmatov gegründet. Sie will mit ihrer Reise ein Zeichen gegen den Krieg und für soziale Gerechtigkeit und Entmilitarisierung setzen.
Sie fahren mit einer Friedensdelegation in den Irak. Wie kam es dazu?
Wecker: Ich reise mit Vertretern der Gesellschaft "Kultur des Friedens". Einer Gesellschaft, mit der ich seit vielen Jahren im losen Kontakt stehe. Die Gruppe war schon beim ersten Irak-Krieg sehr aktiv und hat das Land schon öfters bereist. Jetzt, wo ein neuer Krieg unmittelbar bevorsteht, wollten wir wieder etwas tun. Wir fliegen nach Bagdad und treffen dort internationale Gruppen und Künstler. Meine Hoffnung ist, dort ein Konzert geben zu können.
Ein gewagtes Unterfangen.
Wecker: Wir wollen mit diesem Treffen nicht ein System unterstützen. Es ist unbestritten, dass Saddam Hussein ein Diktator ist. Aber man darf ein Volk nicht zweimal strafen. Auf der einen Seite ist es durch einen Diktator gestraft, auf der anderen Seite soll es durch einen Krieg bestraft werden. Die Notleidenden sind wie in allen Kriegen die Kinder. Ich frage mich manchmal, wo das Mitgefühl der Menschen bleibt. Mir haben Leute erzählt, die vor zehn Jahren für irakische Kinder gesammelt und zur Antwort bekommen haben: Wir geben nichts, mit dem Geld werden nur lauter kleine Husseins unterstützt. An diesem Beispiel sieht man, wie Propaganda die Herzen verhärten kann. Ich bin Künstler, kein Politiker. Mir geht es um Menschen, nicht Systeme.
Ich finde es erschreckend, wie leichtfertig Menschen über Kriege reden. Man muss sich klar machen: Unter jeder Bombe liegt ein Kind. Ob die Bellizisten wohl bereit wären, ihre Söhne und Töchter zu opfern? Ich glaube nicht.
Was ist Ihr Anliegen?
Wecker: Eins ist klar: Der Kampf gegen den Terror hat uns nicht die Aussicht auf ein Ende des Terrors gebracht. Einerseits will ich mich vor Ort informieren. Über den Irak wird nur in Klischees berichtet, alles mit Saddam Hussein gleichgesetzt. Das ist es nicht. Denn dort gibt es Menschen, die möchte ich kennen lernen und mit denen möchte ich sprechen. Ich will wissen: Wie fühlt es sich an, wenn man sicher weiß, dass man bombardiert wird.
Ich stelle mir immer vor, ich würde hier in München sitzen und wüsste, in drei Wochen geht`s los. Wie würde ich es meinen Kindern erklären, wie würde ich sie schützen? Es ist eine Frage des Mitgefühls, das man verdrängen kann - ich kann das nicht mehr länger.
Woher kommt Ihr Engagement?
Wecker: Es ging mit dem 11. September los. Auf meiner Web-Seite hatte ich eine Nachfrage, wie ich zu dem ganzen stehe. Da kam ich ins Grübeln. Es ist notwendig, sich zu informieren. Nur der informierte Bürger kann weiterhin eine Demokratie aufrecht erhalten. Auf meinen Konzerten hatte ich das Gefühl, ich kann jetzt nicht nur einfach mein Programm singen. Ich muss mich zur gegenwärtigen Situation äußern.
Das heißt nicht, dass ich vorher für nichts eingestanden bin: Dafür sprechen allein schon Lieder wie "Willy" oder "Im Namen des Wahnsinns".
Am ersten Februarwochenende findet in München wieder die Sicherheitskonferenz statt. Wie stehen Sie zu diesem Treffen?
Wecker: Es ist im Endeffekt ein Treffen von Wirtschaft und Militär. Auch wenn es offiziell um die Sicherheit geht - man weiß, dass hinter verschlossenen Türen Waffengeschäfte abgeschlossen werden. Die Sicherheitskonferenz ist ein geeignetes Forum, um Kriegsgegner zu einer friedlichen Demonstration zu versammeln. Ich hoffe, dass es sich die Stadt nicht nochmal erlauben kann, die Demonstration zu verbieten. Sonst würde sich die Frage aufwerfen: Warum werden die Demonstrationen der Neonazis alle genehmigt und die unseren immer nur verboten.
Ich finde, wir sollten uns nicht länger auslachen lassen, wenn wir von einer gerechteren Welt träumen und dies auch kund tun wollen.
Was tun Sie, wenn die Gegendemonstration verboten wird?
Wecker:Ich werde wieder dabei sein - auch wenn sie verboten ist. So wie im vergangenen Jahr auch schon. Ich glaube, dieser Tag ist ein wichtiger Termin für alle Kriegsgegner.
Verstehen Sie sich als Friedensaktivist?
Wecker: Momentan bin ich wohl so etwas, obwohl ich mich nie so verstanden habe. Eigentlich bin ich Künstler. Musiker. Einer, der sich nicht darauf beschränkt, sich nur um die Poesie zu kümmern.
Kam Ihr Engagement mit der Familie?
Wecker: Ich glaube schon. Mit Kindern kann man nicht zynisch werden. Man kann nicht einfach sagen "nach mir die Sintflut", weil man das seinen Kindern nicht antun möchte. Ich muss auf eine Welt hoffen, in der meine Kinder nicht zwischen Heckenschützen hin und hergetrieben werden, ich muss auf eine Welt hoffen, die nicht atomar verseucht ist. Ich muss darauf hoffen. Ich muss aber auch etwas dafür tun.
Herr Wecker, bitte jeweils ein kurzes Statement zu folgenden vier Stichworten. Frieden...?
Wecker: Da halte ich es mit Ghandi, der sagt: "Wer Frieden will, muss mit Frieden beginnen."
...Bush?
Wecker: Ich versuche zahm zu sein: Bush ist die Marionette einer Waffen- und Ölindustrie und deswegen gefährlich. Er hat den unseligen Kampf Gut gegen Böse wieder in die Welt gebracht.
...München?
Wecker: Es ist ein großes Glück und sicher kein Verdienst in einer Stadt zu leben, in der es einem seit 50 Jahren gut geht und die seit über 50 Jahren keinen Krieg gesehen hat.
...Jugend?
Wecker: Es hat mich gefreut, dass auf der Demo zur Sicherheitskonferenz im Februar vergangenen Jahres so viele Jugendliche waren. Das hat mir gezeigt, dass eine Generation nachwächst, die nicht nur an ihrem Spaß interessiert, sondern die auch motiviert ist und nicht der Meinung nachhängt: Man kann ja eh nichts tun. Das ist ein gutes Gefühl.
Das Gespräch führte Stephanie Holzmeier.
Südwest Presse, Freitag 3. Januar 2003
PAZIFISMUS / Tübinger Friedensfreunde mit Konstantin Wecker in den Irak
Zu Besuch beim Volk in Bagdad
Mitglieder der Tübinger Gesellschaft "Kultur des Friedens" fliegen als "Volksdiplomaten" in den Irak. Liedermacher Konstantin Wecker begleitet die Gruppe.
RAIMUND WEIBLE
TÜBINGEN Die Visa sind erteilt, die Flüge gebucht: Am kommenden Sonntag startet eine Tübinger Delegation in Frankfurt zu einer einwöchigen Friedensmission nach Bagdad. Mit dabei ist der Liedermacher Konstantin Wecker. "Er steht voll dahinter" sagt Henning Zierock, Vorsitzender der Gesellschaft "Kultur des Friedens". Der Verein organisiert die Reise. Das Dutzend Teilnehmer, darunter Ärzte, Künstler und Journalisten, finanziert die Reisekosten aus der eigenen Tasche.
Zierock will nicht mit den irakischen Machthabern zusammentreffen, sondern mit den Leuten aus dem Volk. Der Lehrer und Dirigent des friedensbewegten Mikis-Theodorakis- Chors: "Wir wollen den Menschen in die Augen schauen und ihnen zeigen, dass sie uns nicht gleichgültig sind. Sie sind Opfer der Machthaber von innen und außen."
Mit dieser Aktion versuche die Delegation zugleich, die Gleichgültigkeit in Deutschland gegenüber einem Krieg im Irak zu durchbrechen. Außerdem gehe es darum, die Bundesregierung zu ermutigen, ihr Wahlversprechen einzuhalten. Zierock: "Wir sind Anwälte einer friedlichen Lösung." Die Delegation will in Bagdad und Basra Kliniken, Universitäten und Kultureinrichtungen besuchen. Im Reisegepäck führen die Irak-Besucher Medikamente mit, die sie über Spenden an die Friedens-Gesellschaft finanzieren.
Die Gesellschaft "Kultur des Friedens" besteht bereits seit 1988, die Schriftstellerin Christa Wolf und ihr russischer Kollege Dschingis Aitmatow hoben sie mit aus der Taufe.
Der Verein zählt rund 100 Mitglieder in Baden-Württemberg. Zierock hat Erfahrung in Sachen "Volksdiplomatie". Vor dem Ausbruch des Golfkriegs 1991 beteiligte sich der Mann, der schon OB in Tübingen werden wollte, mit seinen Freunden an Friedenscamps in Bagdad und zwischen den Fronten. Vor dem endgültigen Ende des Kalten Kriegs hatte Zierock "Begegnungsreisen"nach Moskau initiiert. 1993 gehörte er zu den Mitorganisatoren des Friedensmarsch "Mir Sada - Frieden jetzt" der nach Bosnien führte. Schon damals verstand er sich nicht als Abenteurer.
Junge Welt, 3. Januar 2003
Interview: Rüdiger Göbel
Konzert in Bagdad: Mit Musik gegen Krieg?
jW sprach mit dem Liedermacher Konstantin Wecker
F: Sie fahren am Sonntag in den Irak. Was ist das Ziel der Reise in ein belagertes Land?
Ich will mir persönlich ein Bild von einem Land machen, das bei uns in den Medien nur in Klischees dargestellt wird. Hinzu kommt ein emotionaler Moment: Ich stelle mir vor, hier in München wüßten wir alle, in drei Wochen würden wir bombardiert. Was würde in mir vorgehen, was würde mir passieren, wie würde ich versuchen, das meinen Kindern zu erklären, wie würde ich meine Familie schützen, welchen Groll würde ich haben ...
Diese Dinge gehen mir im Zusammenhang mit meiner Reise nach Bagdad durch den Kopf. Ich möchte dort Menschen treffen und mit ihnen reden. Ich möchte ihnen auch ein bißchen Mut machen, sofern das überhaupt möglich ist. Wenigstens aber will ich die Solidarität von Friedensgruppen überbringen, damit die Iraker nicht das Gefühl haben, die ganze Welt ist gegen sie. Ich will auch für mich etwas gewinnen: ich glaube, daß mir die Menschen im Irak mehr geben können als ich ihnen.
Vor zwei Tagen habe ich einen Iraker, der mich begleiten und dolmetschen wird, gefragt: Was kann ich tun, außer ein paar Medikamente mitzunehmen, um zu helfen? Er erklärte mir: »Kommen Sie zurück und erzählen Sie, was das Embargo bewirkt hat. Erzählen Sie das, was Sie gesehen haben. Damit können Sie uns am meisten helfen, denn mir, sagte er, glauben die Leute nicht. Bei mir sagen sie, der ist befangen, der ist ja ein Iraker. Ihnen könnte man Glauben schenken.« Im Nachhinein ist das der Hauptgrund meiner Reise geworden.
F: Werden Sie im Irak auch ein Konzert geben?
Es ist vorgesehen, obwohl ich noch keine Ahnung habe, ob das auch wirklich klappen kann. Ich brauche einen Flügel oder wenigstens ein Klavier – ich habe schon oft bedauert, daß ich kein Gitarrist bin, gerade in solchen Fällen oder auf Demos wäre es einfacher. So oder so, ich werde am kommenden Freitag abend zusammen mit irakischen Musikern im Kulturcafé in Bagdad spielen.
F: Sind auch Begegnungen mit offiziellen Stellen geplant?
Das liegt nicht in meiner Intention. Zweifellos wird es aber mit staatlichen und halbstaatlichen Stellen zu Berührungen kommen. Wir zahlen allerdings unsere Reise selbst und bleiben unabhängig.
Es fahren noch zwei Vertreter von der Evangelischen Kirche mit in den Irak. Es besteht ein enger Kontakt zwischen den christlichen Gemeinden unserer Länder, etwa zwischen Mossul und Heidelberg. Im Irak herrscht eine große religiöse Toleranz. Wer weiß denn hierzulande, daß es dort zum Beispiel eine jüdische Gemeinde mit drei Synagogen oder eine große christliche Gemeinde gibt, und daß sie unbehelligt in der moslemischen Welt leben können.
F: Der Chor der Kritiker wird sich schon einstimmen: Konstantin Wecker unterstützt mit seiner Reise Saddam Hussein ...
Ja, das ist leider das Ergebnis einer zielgerichtete Propaganda, die Hussein mit einem ganzen Volk gleichsetzt. Man braucht gar nicht darüber zu diskutieren, Saddam Hussein ist ein Diktator und hat Schreckliches getan, unter anderem auch über viele Jahre hinweg mit der Unterstützung Deutschlands. Als vor zehn Jahren hier für irakische Kinder gesammelt wurde, haben viele nichts gegeben mit dem Argument, da werden doch lauter kleine Husseins draus ...
Die Propaganda führt heute so weit, daß man jede Form von Mitgefühl verliert. In Talkshows wird immer nur über Politik, über Wirtschaft und über logistische und militärische Dinge gesprochen anstatt über Menschen. Ich habe noch in keiner der Gesprächsrunden, in denen wieder alle großen Bellizisten versammelt sind, erlebt, daß über Menschen gesprochen wurde. Das unglaubliche Embargo und was es bei den einzelnen Menschen anrichtet, wird komplett ausgeblendet. Irak ist sowieso von einem Diktator geknechtet, muß es auch noch durch grausame Sanktionen geknechtet werden? Dem muß man entgegentreten können. Es geht nicht um Parolen, um Ideologien, um Fahnen, sondern es geht um Menschen. In Kriegen geht es immer um Menschen. Unter jeder Bombe liegt wenigstens ein totes Kind.
Ich kann und ich werde daher das Argument nicht gelten lassen, daß ich mit meiner Reise Hussein unterstützen würde. Da ich nun einmal in einer Demokratie lebe, möchte ich mir die Freiheit nehmen, mich vor Ort zu informieren.
Es ist doch unglaublich, wenn man hört, Bush habe mittlerweile Angst, der Irak würde die USA angreifen. Für wie dumm muß man sein eigenes Volk halten, um ihm so etwas weismachen zu wollen. Das ist keine Posse mehr, das nimmt schon Züge eines absurden Theaters an.
F: Ist damit zu rechnen, daß irakische Künstler zum Gegenbesuch eingeladen werden – etwa zum gemeinsamen Konzert bei der großen Antikriegsdemonstration am 15. Februar?
Das will ich in jedem Fall. Ich weiß allerdings noch nicht, inwieweit die Künstler im Irak aus- und hier einreisen dürfen.
Abendzeitung München, 03. Januar 2003
"Wachen wir endlich auf!"
Eine Reise gegen den Krieg. Warum Konstantin Wecker in den Irak fährt
Am nächsten Sonntag fliegt eine internationale Friedensdelegation vom Frankfurter Flughafen in die nordirakische Stadt Mossul. Mit dabei: der Künstler Konstantin Wecker aus München. Die AZ hat mit dem Musiker über seine Reise und den Protest gegen einen drohenden Krieg gesprochen.
Herr Wecker, warum fahren Sie in den Irak?
Ich möchte den Menschen im Irak die Solidarität der Friedensbewegung überbringen und mir selbst ein Bild machen von einer Kultur, über die bei uns meist nur in Form von Klischees berichtet wird. Man philosophiert in deutschen Talkshows wortreich über die Notwendigkeit des Krieges, aber nie spricht einer über Menschen! Unter den Trümmern jeder Bombe sterben Kinder, auf deren Kosten wir unsere Machtspiele austragen, unsere Ideologien rechtfertigen, unsere Unfähigkeit demonstrieren, zuzuhören, einzusehen, zu verstehen und zu verzeihen. Nie spricht einer über die Iraker und Amerikaner, die in diesem Krieg getötet werden, Arme und Beine verlieren, noch Jahrzehnte später an den Folgen der Verseuchung verrecken. Wenn über Tote gesprochen wird, dann in Form von Statistiken. Opfer werden abgewogen. 1000 Iraker gegen einen US-Soldaten oder wie wär´s genehm, um in der Heimat keinen Widerstand zuprovozieren? Aber jeder dieser Toten ist doch ein Mensch, mit einem eigenen Schicksal, eigenen Hoffnungen, Träumen, Sehnsüchten, jeder hatte eine Kindheit, jeder hat Familie und keiner will sterben.
Was sind ihre Pläne im Irak?
Wir werden Krankenhäuser besuchen, mit Familien sprechen, auch christliche Gemeinden aufsuchen und uns mit Künstlern und Friedensgruppen aus aller Welt austauschen. Und natürlich Musik machen. Vielleicht ergibt sich ein Konzert, gemeinsam mit irakischen Künstlern und Musikern aus aller Welt. Ich habe nicht vor, irgendeiner Staatsmacht in den Arsch zu kriechen. Meine Solidarität gilt den Menschen, nicht einem skrupellosen Diktator und seinem Regime. Mit den Menschen will ich mich verbünden, ihre Nöte und Sehnsüchte teilen und es ihnen, wo es geht, ein wenig zur Seite stehen.
Was versprechen Sie sich von der Reise?
Der Gedanke lässt mich nicht los, wir hier in München stünden kurz vor einem unausweichlichen Bombenangriff. Wie würde sich unser Leben verändern? Wie hätte sich unsere Silvesterparty gestaltet? Wie unbezwingbar wäre unsere Wut? Wie würden wir unsere Kinder schützen? Wie dankbar wären wir für jeden, der uns die Hand reichte? Ich glaube, ich werde von den Menschen im Irak, denen durch ein unmenschliches Embargo unendlich viel Leid zugefügt wurde, mehr geschenkt bekommen, als ich ihnen geben kann.
Was sagen Sie ihren Kritikern?
Hussein ist ein Diktator, ohne Frage. Aber er wurde von den westlichen Staaten aufgerüstet - darüber spricht heute niemand mehr. Wenn man ihn entmachten will, muss man die irakische Bevölkerung stärken und nicht vernichten. Wie sollen Menschen, die seit zehn Jahren unter dem westlichen Embargo leiden und täglich 14 oder mehr Stunden schuften müssen, um das Nötigste für ihre Kinder ranzuschaffen, auch noch Widerstand gegen die Diktatur in ihrem Land leisten?
Haben Sie Angst?
Natürlich habe ich Angst - vor allem zu diesem Zeitpunkt. Ich habe intensiv mit meiner Familie über diese Reise gesprochen. Aber als eine Frau dann sagte, "das musst du tun, wie können wir den Menschen denn sonst beistehen", war für mich die Entscheidung gefallen.
Was halten Sie vom "globalen Krieg gegen den Terror"?
Ja, ich weiß, auch die Bellizisten reden von Frieden, von dem Frieden nach dem großen Schlachten, dem finalen Frieden nach dem Krieg. Aber Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen. Wer Frieden will, muss mit dem Frieden anfangen. Denn Kriege werden geführt von Menschen, denen sie Vorteil bringen. Entweder direkten Geldgewinn oder Gewinn an Ansehen und Macht.
Warum regt sich in Deutschland so wenig Widerstand gegen den globalen Krieg?
Eine "großindustrielle Oligarchie", die sich ein "demokratisches Mäntelchen umhängt" und unsere Medien wie Marionetten in ihrem Interesse tanzen lässt, entmündigt uns immer mehr und versucht ihre Kriege als humanitäre Aktionen zu verkaufen. Und wir sollen glauben, dass dies alles vernünftig ist, weil es von anscheinend besonnenen, hochrangigen Männern verkündet wird. Aber man ist nun mal nicht automatisch vernünftiger, weil man von Frau Christiansen oder Herrn Kerner eingeladen wird und vorfabrizierte Sprüche mit autoritärem Gehabe verbreitet. Es gibt Politiker, die sprechen von Massenvernichtungswaffen im Irak mit einer Gewissheit, als hätten sie dort am Bau von Atombomben selbst mitgewirkt.
Gibt es Alternativen?
Wie würden die Menschen uns lieben, wenn wir, anstatt sie mit Uran angereicherten Bomben zu überschütten, mit Lebensmitteln und Medikamenten überschütten würden? Wenn wir nach Lösungen suchen würden, wie langfristig ihre Eigenkräfte unterstützt werden können? Wenn wir sie respektieren würden, statt sie zu demütigen?
Glauben Sie nicht an die Parole "Demokratie durch Bomben"?
Es ist doch ein grandioser Irrtum, die US-Regierung wolle wirklich Demokratie im Nahen Osten. Sie unterstützen doch viele undemokratische arabische Regimes. Es geht um Öl, um Waffengeschäfte und neue High-Tech-Waffen, die darauf warten, losgelassen zu werden. Die Bestimmung einer Waffe ist es nun einmal, nicht im Museum zu enden. Man will mit ihr und an ihren Explosionen verdienen. Die Leichenfledderer sitzen doch schon zusammen und teilen sich de Kuchen auf: Man braucht ein zerstörtes Land, um es wieder aufbauen zu können.
Und die deutsche Rolle?
Es ist schon erstaunlich, wie schnell in einer rot-grünen Bundesregierung zurzeit die Pazifisten entsorgt werden. Haben deutsche Rüstungskonzerne nicht Milliarden an den Waffenlieferungen an das irakische Terrorregime verdient? War es nicht Giftgas aus Deutschland, mit dem das irakische Regime 1988 tausende Kurden im Nordirak ermordet hat. Deutschland ist längst militärisches Drehkreuz eines geplanten völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf den Irak ? entgegen aller rot-grüner Rhetorik: Hier starten bereits täglich Flugzeuge mit Munition und Militärgerät in den Nahen Osten. Ich fordere die Bundesregierung auf: Im Falle eines Krieges alle US-Militärbasen in Deutschland zu schließen und Überflugverbote zu erteilen.
Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?
Natürlich bin ich sehr aufgeregt und gespannt. Ich weiß noch nicht, was ich alles einpacken soll, weil noch unklar ist, ob wir in einem Camp oder im Hotel wohnen. Ich habe mit Exil-Irakern gesprochen und vieles erfahren, worüber unsere Politiker nicht sprechen. Am schlimmsten sind die Kinder dran. Schauen Sie sich doch nur die Folgeschäden der Uranangereicherten Nato-Geschosse von 1991 an: Die Krebsrate ist seit dem letzten Golfkrieg um das Zehnfache gestiegen, ebenso die Missbildungen. Im Irak werden Kinder ohne Arme und Beine geboren.
Wird Konstantin Wecker am 8. Februar 2003 wieder gegen die Nato-Sicherheitskonferenz in München demonstrieren?
Selbstverständlich. Und ich werde am Abend nach der Demo ein Konzert geben mit vielen Freunden und Musikern. Wahrscheinlich in der Muffathalle. Ich glaube, dieser Tag wird ein ganz wichtiger Termin für alle Kriegsgegner. Ich kann nur hoffen, wir wachen endlich auf aus unserer Lethargie und bezwingen das Gefühl, man könne nichts tun. Wir können!
Selbst wenn wir die Welt nicht verändern können, ist es wichtig sich zu bekennen. Lasst uns keine Menschen und auch nicht mehr unsere Zeit totschlagen. Lasst uns bekennen: für das Leben und gegen den Krieg. Herr Wecker, vielen Dank für dieses Gespräch.
Interview: Michael Backmund
taz, 3. Januar 2003
KONSTANTIN WECKER
Gruppenreise nach Irak
Am Sonntag startet von Deutschland aus eine Friedensdelegation um den Liedermacher Konstantin Wecker in den Irak. Organisiert wird die Reise von der Tübinger Gesellschaft "Kultur des Friedens". Die Teilnehmer wollen damit ein Zeichen gegen den Krieg setzen. (taz)
dpa-Meldung, 20.Dezember 2002
Konstantin Wecker plant Friedenskonzert in Bagdad
Konstantin Wecker will in Bagdad für den Frieden singen
Tübingen (dpa) - Der Liedermacher Konstantin Wecker will mit einer internationalen Delegation in den Irak reisen und ein Konzert in Bagdad geben. Dies hat der Vorsitzende der Gesellschaft Kultur des Friedens (GKF), Henning Zierock, in Tübingen bestätigt.
Zusammen mit anderen europäischen und amerikanischen Friedensgruppen wolle die GKF als Veranstalter der Aktion gegen einen drohenden Krieg im Irak protestieren. Die Organisation wirft den USA vor, den irakischen Rüstungsbericht massiv zu manipulieren. Sie forderte UN-Generalsekretär Kofi Annan zum Eingreifen auf.
Stuttgarter Nachrichten, 16. Dezember 2002
"Das Leid im Irak muss ein Gesicht bekommen"
Podiumsdiskussion und Konzert mit Konstantin Wecker
Ein möglicher Irak-Krieg beschäftigt viele Friedensinitiativen. Die Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens hat in Zusammenarbeit mit dem Hospitalhof Stuttgart eine besondere Veranstaltungsform dafür gefunden: Beim politisch-kulturellen Abend diskutierten erst Experten, dann sang Liedermacher Konstantin Wecker.
VON JÜRGEN BOCK
Eher zufällig und damit sehr kurzfristig hatte sich die Möglichkeit ergeben, die prominente Runde an einen Tisch zu bekommen. "Wir haben das innerhalb einer Woche organisiert", erklärt Henning Zierock von der Gesellschaft Kultur des Friedens. "Wir müssen die passive Mehrheit mobilisieren und dürfen nicht ohnmächtig vor dem Fernseher sitzen." Vom Leid im Irak berichtete der ehemalige Uno-Koordinator für die Irak-Hilfe, Hans von Sponeck. Wie die Verdi-Landesvorsitzende Sybille Stamm forderte er, dass Deutschland keine Hilfe zu einem Präventivkrieg leistet: "Das ist die Förderung des Terrorismus."
Der Stuttgarter Prälat Martin Klumpp sagte: "Krieg darf um Gottes willen nicht sein. Jede Politik ist nur so gut, wie sie dem Frieden dient." Auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland sei dieser Auffassung. "Manche Fans finden mein politisches Engagement übertrieben, aber ich kann nicht anders", bekannte Wecker und erntete dafür schon vor seinem musikalischen Auftritt tosenden Applaus der rund 350 Besucher. "Die Leute sprechen wie beim Schachspiel über Wirtschaft und Ideologien, aber nie über Menschen", klagte der Liedermacher, der fordert: "Wer Frieden will, muss mit Frieden anfangen."
Wecker nimmt sich selbst beim Wort und lässt Taten folgen. Er wird Mitglied einer rund zehnköpfigen Friedensdelegation sein, die um den Jahreswechsel eine Reise in den Irak antreten will, organisiert von der Gesellschaft Kultur des Friedens. Für dieses Unternehmen ist auch der Erlös des Abends bestimmt. "Wir wollen Kontakt zu den Menschen aufbauen, Partnerschaften auf allen Ebenen schaffen", erklärt Zierock das Ziel der Mission. "Das Leid muss ein Gesicht bekommen." Mit im Gepäck sollen deshalb Adressen von Schülern und Studenten sein, man will Städtepartnerschaften anleiern, vor Ort Solidarität zeigen.
Zum Schluss dann der Höhepunkt des langen Abends: Wecker haut nicht nur verbal auf die Pauke, sondern auch in die Tasten. Einmischung auf künstlerische Art.
Ludwigsburger Kreiszeitung, 13. Dezember 2002
"Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht den Mund aufmachen würde"
Konstantin Wecker heute bei Friedensveranstaltung in Stuttgart - "Es geht bei Kriegen nur um finanzielle Interessen, Macht und Öl"
Konstantin Wecker tritt derzeit nicht nur in Konzerten auf, sondern auch bei Veranstaltungen gegen den Krieg. Heute kommt er um 20 Uhr nach Stuttgart in den Hospitalhof in der Büchsenstraße 33, um mit Hans von Sponeck, dem ehemaligen UN-Koordinator für den Irak, mit dem Stuttgarter Prälaten Martin Klumpp, der Verdi-Landesvorsitzenden Sybille Stamm und Henning Zierock vom Mitveranstalter "Kultur für den Frieden" über die amerikanischen Pläne zu diskutieren und natürlich auch, um seine Lieder zu singen. Die LKZ sprach mit Wecker über sein Engagement.
LKZ: Herr Wecker, Ihre Teilnahme an der Veranstaltung in Stuttgart wie an verschiedenen anderen derartigen Anlässen ist Beleg dafür, dass Sie sich in diesen Bereichen verstärkt engagieren. Aus welchen Gründen?
Wecker: Nun, wenn man liest, dass die USA nicht nur Landminen einsetzen, die weltweit geächtet sind, sondern jetzt auch mit Atomschlägen drohen, das sind für mich völlig neue Dimensionen der Weltpolitik. Ich bin der Meinung, wer jetzt nicht aufwacht, wird nie mehr aufwachen. Jeder, der sich ein wenig mehr informiert, sich mit Krieg und Frieden beschäftigt, als einfach vorm Fernseher Infotainments über sich ergehen zu lassen, der wird die Hintergründe der Kriege auch kennen. Ich lasse mir schon lange nicht mehr einreden, dass es um humanitäre Motive geht, um irgendwelche Schurken zu vertreiben, denn auch die sind wahllos mal gute, die man braucht, und mal böse, die man nicht mehr braucht. Es geht hier eindeutig um finanzielle Interessen, um Öl und um Macht. Dafür werden Menschen geopfert und ich glaube, dass Krieg in keinem Fall eine Lösung sein kann, denn zu 90 Prozent wird die Zivilbevölkerung getroffen. Unschuldige und Kinder. Das zeigt schon, wie recht Willy Brandt hatte, wenn er sagte: Krieg ist nicht die Ultima Ratio, es ist die Ultima Irratio. Krieg ist Krankheit, keine Lösung!
LKZ: Nun gibt es ja das Argument, dass wer gegen die amerikanischen Kriegspläne ist, der sei auch gegen Amerika. Ist es bei Ihnen Antiamerikanismus oder Anti-Bushismus?
Wecker: Anti-Bushismus, in jedem Fall. Ich denke nicht daran, mir meine Argumente mit der Antiamerikanismus-Keule erschlagen zu lassen. Das ist ein ganz infamer Trick. Ich habe viele Freunde in Amerika und es gibt noch viel mehr Menschen in Amerika, die meine Freunde sein könnten, es gibt eine solche Unzahl von kritischen Geistern in Amerika, selbst in Hollywood macht man gegen die Pläne von Bush mobil, und wen wundert´s, dass da nicht die Dümmsten (lacht) auf den Plan treten. Und wenn man mit Amerikanern einmal spricht, die warten sehnsüchtig darauf, dass Europa sich erhebt, die waren überglücklich, als Schröder damals sein jetzt schon wieder wankendes Nein zum Irak-Krieg gegeben hat. Nein, das ist eine ganz faule Masche, ein fauler Trick der Konservativen, uns als antiamerikanisch hinzustellen.
LKZ: Was ist Ihre künstlerische Funktion und Verantwortung, wenn Sie sich dazu zu Wort melden?
Wecker: Wenn man eine gewisse Popularität ins Spiel bringen kann, die eine Veranstaltung, ein Anliegen publik macht, sollte man das im Interesse der Sache auch tun. Das ist die eine Seite, die andere ist die persönliche. Ich habe das Gefühl, ich könnte damit nicht leben, wenn ich nicht den Mund aufmachen würde. Ich glaube nicht, dass ich die Welt verändern kann, aber ich kann nicht anders. Und wenn genügend Menschen etwas sagen, kann man sicher das eine oder andere bewirken. Ich kann auch nicht den Zynismus aufbringen, dass ich sage, was nach mir kommt ist mir egal, denn ich habe Kinder.
LKZ: Sie ergreifen nicht nur das Wort für den Frieden, sondern auch gegen andere gesellschaftliche Mißstände, auch in Ihren Konzerten. Ist es generell so, dass Sie wieder mehr den Finger in die Wunden legen?
Wecker: Die Wunden sind eben auch größer geworden. Es hat sich sehr viel zum Schlechteren gewendet. Die Fronten sind klarer geworden. Immer mehr werden wir in ein Marktverhalten gezogen, aus dem wir kaum noch herauskommen. Man muss mal wieder Adorno lesen. Die Welt wird in ein riesiges Einkaufszentrum verwandelt. Ich erlebe das mit meiner Familie, man muss sich bewusst schon entziehen, man kauft bestimmte Sachen nicht mehr, schaut bestimmte Fernsehsender nicht mehr, weil man sich einfach verarscht vorkommt.
|
|